8. Kapitel: Verhinderten US-Beamte Festnahmen und Untersuchungen zum 11. September?

Das neue Pearl Harbor - Band 1
Beunruhigende Fragen zur Bush-Regierung und zum 11. September

Teil 2: Die größeren Zusammenhänge

8. Kapitel

Verhinderten US-Beamte Festnahmen und Untersuchungen zum 11. September?

Nach dem Vorschlag, dass das »neue Pearl Harbor« am 11. September als Vorwand für eine vorab festgelegte Agenda diente, argumentieren die Kritiker, dass das Verhalten der USA nach dem 11. September diese Ansicht untermauert. Teile dieses Verhaltens – namentlich die Kriege gegen Afghanistan und Irak – wurden im vorherigen Kapitel erwähnt. Dieses Kapitel fasst Beweise für weitere Fälle zusammen, bei denen laut den Kritikern das Verhalten der USA nach dem 11. September auf die Falschheit der offiziellen Darstellung hindeutet.

Die Fortsetzung der Anti-Jagd auf Osama bin Laden und al-Qaida

Ahmed und Thompson liefern umfangreiche Belege dafür, dass der Krieg in Afghanistan angeblich geführt wurde, um al-Qaida und bin Laden auszurotten – um ihm, in Präsident Bushs Worten, »tot oder lebendig« zu bekommen – das eigentliche Ziel aber etwas anderes gewesen sein muss, denn es gab mehrere Ereignisse, in denen die Regierung und ihre Militärs sich große Mühe zu geben schienen, bin Laden und al-Qaida entkommen zu lassen.

Zum Beispiel gelang nach Angaben vieler Einwohner Kabuls einem Konvoi von al-Qaida-Streitkräften, zu dem die obersten Führungskräfte gehören sollten, eine bemerkenswerte Flucht in einer Nacht Anfang November 2001. Ein Geschäftsmann sagte:

Wir verstehen nicht, warum sie nicht alle letzte Nacht getötet wurden, weil sie in einem Konvoi von mindestens 1000 Autos und Lastwagen unterwegs waren. Es war eine sehr dunkle Nacht, daher muss es für die amerikanischen Piloten einfach gewesen sein, die Scheinwerfer zu erkennen. Die Hauptstraße war von acht Uhr abends bis drei Uhr morgens verstopft.

Thompson kommentiert: »Mit all den Satellitenbildern und der intensiven Fokussierung auf die Kabul-Region, wie konnte in der Zeit eine solche Streitmacht aus der Stadt fliehen, ohne von den USA beobachtet zu werden?«1

Gleichfalls berichteten Anfang November US-Geheimdienste, nachdem sie al-Qaida-Kämpfer und Führer beim Umzug in die Gegend von Jalalabad beobachteten, bin Laden wäre auch dort ankommen. Laut den Knight-Ridder-Zeitungen geschah als nächstes folgendes:

Amerikanische Geheimdienst-Analysten kamen zu dem Schluss, dass bin Laden und seine Kämpfer sich vorbereiteten, über die Grenze zu fliehen. Aber das US Central Command, welches den Krieg führte, machte keine Anstalten, ihre Flucht zu blockieren. »Es war mindestens seit Anfang November offensichtlich, dass dieser Bereich die Basis für einen Exodus nach Pakistan sein sollte«, sagte ein Geheimdienstmitarbeiter, der anonym bleiben wollte. »All dies war bekannt und ehrlich gesagt, wir waren erstaunt, dass nichts getan wurde, um sich darauf vorzubereiten.«2

Kurz darauf eroberte am 14. November die Nordallianz Jalalabad. In dieser Nacht entkam ein Konvoi von »mehreren hundert Autos« mit 1000 oder mehr al-Qaida- und Taliban-Kämpfern aus der Stadt, darunter Berichten zufolge auch bin Laden, und erreichte die Festung Tora Bora. US-Truppen bombardierten den nahegelegenen Flughafen von Jalalabad, aber anscheinend nicht den Konvoi.3

Am 16. November flohen etwa 600 al-Qaida- und Taliban-Kämpfer, darunter auch viele oberste Führer aus Afghanistan, indem sie eine lange Strecke nahmen, um der Bombardierung in der Region Tora Bora zu entkommen. Obwohl es zwei Hauptwege aus der Region Tora Bora nach Pakistan gibt, bombardierten US-Flugzeuge nur eine der Routen, so dass die 600 Männer unverletzt auf der anderen entkommen konnten. Hunderte weitere nutzten diesen Fluchtweg in den nächsten Wochen, meistens ohne durch US-Bomben oder pakistanische Grenztruppen belästigt zu werden.4 Ein afghanischer Geheimdienst-Offizier soll sein Erstaunen geäußert haben, dass die Amerikaner nicht Truppen stationierten, um die offensichtlichsten Fluchtwege zu blockieren. Der Telegraph schrieb später: »Im Rückblick und mit den Aussagen Dutzender der Teilnehmer sieht die Schlacht um Tora Bora eher wie eine große Farce aus.« Augenzeugen zeigten sich erschüttert, dass US-Truppen, die hinter den Taliban- und al-Qaida-Truppen her waren, unter ihnen wahrscheinlich viele hohe Führer, diese nur auf drei Seiten einkesselten und die Route nach Pakistan offenließen. Ein Geheimdienst-Chef in Afghanistans neuer Regierung wurde mit den Worten zitiert: »Die Grenze zu Pakistan war die Hauptsache, aber niemand kümmerte sich darum.«5

Ein in Fayetteville, North Carolina, stationierter Soldat der Special Forces erklärte später, dass am 28. November die US-Streitkräfte bin Laden in einer Höhle in Tora Bora festgesetzt hatten, aber nicht handelten. Es sagte, während Soldaten der Special Forces auf ihre Befehle warteten, sahen sie zwei Hubschrauber in die Gegend fliegen, wo bin Laden vermutet wurde, die Passagiere einluden und in Richtung Pakistan flogen. Thompson betont, dass diese anonyme Aussage dadurch glaubwürdiger wird, dass Newsweek gesondert berichtete, dass viele Einheimische behaupteten, dass »geheimnisvolle schwarze Hubschrauber tief in der Nacht über die Berge flogen und Angehörige der al-Qaida-Führungsspitze abholten.«6 »Vielleicht nur durch Zufall«, fügt Thompson hinzu, wurde am gleichen Tag wie der Zeitungsbericht bekannt, dass fünf Soldaten aus Fayetteville – von denen zumindest drei Soldaten der Special Forces waren, die kürzlich aus Afghanistan zurückgekehrt waren – und ihre Frauen seit Juni bei scheinbaren Selbstmorden starben.7

Ende Dezember 2001 sagte der neue afghanische Innenminister Younis Qanooni aus, der ISI habe bin Laden bei der Flucht aus Afghanistan geholfen.8 Für die Kritiker der offiziellen Darstellung ist diese Behauptung insofern bedeutsam, weil die Bush-Regierung Pakistan bei den Anstrengungen nach dem 11. September als Partner betrachtete.

Im März 2002 wurde das offensichtliche Desinteresse, bin Laden zu töten oder gefangen zu nehmen, vom Präsidenten selbst in Worte gefasst: »Er ist jetzt marginalisiert worden. … Ich verschwende nicht viel Zeit mit ihm. … Ich bin wirklich nicht sonderlich besorgt um ihn.« Thompson weist auf folgendes hin: Der Verdacht, dass es bei diesem Krieg nie wirklich um bin Laden ging, wie Bushs Erklärung implizieren könnte, wurde einen Monat später von General Richard Myers deutlich ausgesprochen: »Das Ziel war nie, bin Laden gefangen zu nehmen.«9 Ein weiterer amerikanischer Beamter machte eine noch aufschlussreiche Bemerkung: »Wenn wir zu enge Ziele festsetzen, riskieren wir einen verfrühten Zusammenbruch der internationalen Bemühungen, wenn durch einen glücklichen Zufall Mr. bin Laden gefangen genommen würde.«10 Eine Möglichkeit, dem allen Sinn zu geben, bot George Monbiot, der eine Woche nach dem 11. September folgendes schrieb:

Wenn es Osama bin Laden nicht gäbe, müsste man ihn erfinden. In den vergangenen vier Jahren wurde sein Name ausgerufen, wenn immer der US-Präsident versuchte, den Verteidigungshaushalt zu erhöhen oder sich aus Rüstungskontrollverträgen zurückzuziehen. Er wurde sogar dazu benutzt, Präsident Bushs Raketenabwehr-Programm zu rechtfertigen. … Jetzt ist er zur Personifizierung des Bösen geworden, um einen Kreuzzug für das Gute zu beginnen: Das Gesicht hinter dem gesichtslosen Schrecken. … Seine Nützlichkeit für die westlichen Regierungen liegt in seiner Macht, Angst zu erzeugen. Wenn Militärausgaben im Umfang von Milliarden Dollar auf dem Spiel stehen, werden Schurkenstaaten und Terroristen-Warlords genau deswegen zu Partnern, weil sie zuverlässige Gefahren darstellen.11

Monbiots Aussage bietet zusammen mit der Sorge der amerikanischen Spitzenkräfte über einen »vorzeitigen Zusammenbruch der internationalen Bemühungen« eine mögliche Erklärung, warum die »Jagd nach bin Laden« erfolglos war.

Das Kaschieren der Rolle des pakistanischen ISI

Wie wir bereits gesehen haben, arbeiteten die CIA und der ISI, ihr pakistanisches Pendant, in den späten 1990er Jahren gemeinsam daran, die Taliban zu erschaffen und ihren Sieg sicherzustellen. Dieses Argument wird durch Chossudovsky bekräftigt: »Ohne die Unterstützung der USA, weitergeleitet durch den pakistanischen ISI, wäre es den Taliban nicht gelungen, im Jahr 1996 eine Regierung zu bilden.«12 Des Weiteren sagt er, dass es genauso, wie es die Taliban-Regierung nicht ohne den ISI gegeben hätte, »ohne die entschlossene Unterstützung der US-Regierung keinen starken Militär- und Geheimdienstapparat in Pakistan geben würde.«13

Diese enge Beziehung zwischen CIA und ISI geht auf die 80er Jahre zurück, in denen der ISI die lokale Behörde war, durch die die CIA ihre verdeckten Operation in Afghanistan durchführte, die bereits 1979 begannen. CIA und ISI rekrutierten radikale Muslime aus der ganzen Welt, um die Mudschaheddin zu bilden, die dann gegen die sowjetischen Truppen kämpfen sollten.14 Osama bin Laden wurde ursprünglich nach Pakistan gebracht, um diese Bemühungen zu unterstützen. Obwohl er unter der Kontrolle der CIA handelte, »gab die CIA Osama freien Lauf in Afghanistan, ebenso verfuhren die Generäle des pakistanischen Geheimdienstes«, wird John Cooley von Ahmed wörtlich zitiert. Bin Laden nutzte den freien Lauf und seine angehäuften Reichtümer dazu, im Jahr 1985 al-Qaida aufzubauen.15 In den späten 1980er Jahren erkannte Pakistans Präsidentin Benazir Bhutto, wie stark die Mudschaheddin-Bewegung noch werden würde und sagte zu Präsident Bush: »Sie erschaffen einen Frankenstein.«16 In den späten 1990er Jahren, nachdem die CIA zusammen mit dem ISI die Taliban erschaffen hatten, berichtete der Südostasien-Experte Selig Harrison mit Kontakten zu CIA-Agenten, er hätte sie warnte, sie »würden ein Monster schaffen.«17

Und wenn al-Qaida und die Taliban Berichten zufolge immer monströser wurden, so könnte man das gleiche über den ISI selbst sagen. Nach dem Rückzug der Sowjetunion aus Afghanistan begann der ISI zunächst auf Betreiben der CIA mit der Herstellung von Heroin, um sowjetische Soldaten zu Süchtigen zu machen. Später fing der Dienst dann den Heroin-Schmuggel in westliche Länder an, wobei er die bisherigen riesigen Gewinne zum Aufbau nutzen konnte. Im Ergebnis, so ein Geheimdienstanalyst, wurde der ISI zu einer »Parallelstruktur mit enormer Macht über alle Bereiche der Regierung.« Das Time-Magazin bestätigte später diese Analyse und sagte, dass der »berüchtigte« ISI »allgemein als 'Staat im Staat' oder Pakistans 'unsichtbare Regierung' bezeichnet wird« – ein Bericht im New Yorker nannte den ISI »eine eigene Parallelregierung für sich.«18

Diese Geschichte des ISI mit Verbindungen zur CIA auf der einen Seite und zu al-Qaida und den Taliban auf der anderen ist wichtig angesichts von Belegen, dass diese Verbindungen nie gekappt wurden. Chossudovsky weist die Sichtweise zurück, dass die »Verbindungen zwischen Osama und der CIA zu der 'vergangenen Ära' des sowjetisch-afghanischen Kriegs gehören«, und versichert Folgendes: »Die CIA hat ihre Bindung mit dem 'Netzwerk islamischer Kämpfer' nie beendet.«19 Nafeez Ahmed zitiert Selig Harrisons Aussage vom März 2001, dass »die CIA immer noch enge Verbindungen zum ISI hat.«20

Diese Verbindungen werden auch von einem Ermittler mit einer gänzlich anderen politischen Perspektive als Ahmed und Chossudovky bestätigt, Gerald Posner. Ich habe bereits Posners Bericht zu Abu Zubaydahs Vernehmung zitiert, soweit es um Zubaydahs Behauptung ging, er habe seine al-Qaida-Aktivitäten im Auftrag von saudischen Beamten durchgeführt. Zubaydah sagte Berichten zufolge außerdem, sie seien im Namen pakistanischer Beamten verübt worden. »Laut Zubaydah«, berichtet Posner,

war er im Jahr 1996 in Pakistan, als bin Laden mit Mushaf Ali Mir, einem hochgestellte Offizier mit engen Beziehungen zu einigen der pro-islamistischen Elemente im ISI, eine Vereinbarung traf. Es war eine Beziehung, die immer noch aktiv war und bin Laden und al-Qaida mit Schutz, Waffen und Vorräten versorgte.21

Posner berichtet außerdem, dass das gleiche Schicksal, das drei der durch Zubaydah identifizierten Saudis traf, die innerhalb von vier Monaten starben, auch sieben Monate später Mushaf Ali Mir traf. Am 20. Februar 2003 starben er, seine Frau und viele seiner engsten Vertrauten, als ihre Luftwaffenmaschine – kurz nach einer Inspektion – bei gutem Wetter abstützte.22 Entsprechend präsentiert Posner, der sonst der offiziellen amerikanische Position in den meisten Fragen zustimmt, Beweise gegen die Versuche der USA, die als die Guten dargestellten Pakistaner von dem bösen bin Laden und al-Qaida zu trennen.

Jedenfalls wurde die Bedeutung der weiter bestehenden engen Verbindung des ISI mit der CIA und al-Qaida wohl durch eine Entdeckung kurz nach dem 11. September offensichtlich: der ISI-Agent Saeed Sheikh hatte 100.000 Dollar an Mohammed Attas Bankkonto in Florida überwiesen. Die Anweisung dazu kam von niemand anderem als General Mahmoud Ahmad, dem Direktor des ISI.23 Dadurch wurde entdeckt, dass der ISI, der weiterhin eng mit der CIA zusammenarbeitete, heimlich genau dem Mann Geld geschickt hatte, der als Anführer der Terroristen des 11. September angesehen wird. Diese »vernichtende Verbindung«, wie Agence France-Press sie nannte, wurde Berichten zufolge der US-Regierung zuerst von der indischen Regierung offenbart.24

Die Entdeckung dieses Geldtransfers gewann noch an Bedeutung, als bekannt wurde, dass General Mahmoud Ahmad am 11. September in Washington war – er war nachweislich vom 4. September bis einige Tage nach dem 11. September dort. Während dieser Zeit soll er sich vor dem 9. September mit CIA-Direktor George Tenet getroffen haben, danach mit Vertretern des Pentagons, des Nationalen Sicherheitsrats und des Außenministeriums, sowie mit den Vorsitzenden der Geheimdienstausschüsse von Repräsentantenhaus und Senat. Die News, eine der führenden pakistanischen Tageszeitungen, machte am 10. September diesen bedeutenden Kommentar : »Was General Ahmads Besuch interessanter macht, ist die Geschichte solcher Besuche; das letzte Mal, als sein Vorgänger [in Washington] war, wurde die [pakistanische] Innenpolitik innerhalb von Tagen auf den Kopf gestellt.« Das bezieht sich, wie Thompson klarstellt, auf den Coup vom 12. Oktober 1999, durch den General Musharraf die Regierung übernahm – woraufhin er General Ahmad, der maßgeblich zum Erfolg des Putsches beigetragen hat, zum Direktor des ISI machte.25

Auch während dieses Besuches passierten außer den Anschlägen am 11. September selbst entscheidende Dinge. Am 9. September wurde Ahmad Masood, der Führer der Nordallianz Opfer eines Attentats, wobei die Nordallianz erklärte, das wäre die Arbeit des ISI gewesen. Chossudovsky weist darauf hin, dass dieses Attentat besonders wichtig in Hinsicht auf die Tatsache ist, dass es unmittelbar nach den ausgedehnten Gesprächen zwischen den Spitzen von ISI und CIA erfolgte und dass die Vereinigten Staaten schon lange versuchten, »Masood zu schwächen, weil er als nationalistischer Reformer wahrgenommen wurde.« Chossudovsky verweist darauf, dass dieses Attentat »US-Interessen« diente, und fügt hinzu, dass nach Masoods Tod »die Nordallianz in verschiedene Fraktionen zersplitterte. Wäre Masood nicht umgebracht worden, wäre er nach den US-Bombardements in Afghanistan Chef der Post-Taliban-Regierung geworden.«26 Diese Überlegungen liefern eine mögliche Erklärung für die Behandlung von Julie Sirrs durch die Defense Intelligence Agency, die in Kapitel 6 besprochen wurde.

Vielleicht wurde auf die Bedeutung von Masoods Ermordung auch durch John O'Neill angespielt, demjenigen Ermittler, der beim FBI kündigte, weil seine Versuche behindert wurden, Recherchen über al-Qaida anzustellen. Am 10. September, einen Tag nach Masoods Ermordung, zog O'Neill als neuer Sicherheitschef des WTC in sein Büro im Nordturm, weswegen er am 11. September zu den Todesopfern gehörte. Am 10. September sagte er abends zu einem Kollegen: »Wir sind fällig für etwas Großes. Mir gefällt nicht, wie sich die Dinge in Afghanistan entwickeln.«27

Aus der Sicht der Kritiker der offiziellen Version des 11. September könnte die Tatsache, dass Masood ermordet wurde, während der ISI-Chef zu Besuch in Washington war, einer der Gründe sein, warum Washington versuchte, diesen Besuch zu verschweigen. Jedenfalls glaubt Chossudovsky, dass ein Vergleich der Mitschriften von Condoleezza Rice' Pressekonferenz am 16. Mai 2002 darauf hindeutet, dass die Bush-Regierung nicht wollte, dass General Ahmads Präsenz in Washington weithin bekannt würde. Die Mitschrift des Federal News Service zeigt, dass folgender Wortwechsel stattfand:

FRAGE: Wissen Sie von damaligen Berichten, dass der ISI-Chef am 11. September in Washington war und dass am 10. September 100.000 $ aus Pakistan an diese Gruppen in diese Region überwiesen wurden? Und warum war er hier? Traf er sich mit Ihnen oder irgendjemand in der Regierung?

MS. RICE: Ich habe diesen Bericht nicht gesehen und ich habe mich mit Sicherheit nicht mit ihm getroffen.

Abgesehen von der Frage, ob man glauben soll, dass sich der Chef des pakistanischen Geheimdienstes mit dem Nationalen Sicherheitsrat treffen würde, aber nicht mit der Nationalen Sicherheitsberaterin des Präsidenten, ist die andere verdächtige Sache, dass die Mitschrift des Weißen Hauses folgendermaßen beginnt:

FRAGE: Dr. Rice, kennen Sie die Berichte dieser Zeit, dass (unverständlich) am 11. September in Washington war …?

Diese Version der Mitschrift enthält anders als die Mitschrift des Federal News Service nicht die Information, dass es um den »ISI-Chef« ging. Es war auch diejenige, über die die CNN-Sendung »Inside Politics« nachfolgend berichtete.28

Der Verdacht, dass US-Beamte die ISI-Verbindung verheimlichen wollten, wird auch durch die von Chossudovsky vorgebrachten Beweise gestärkt, dass das FBI in seinen Stellungnahmen über die Verbindung mit Pakistan nicht ausdrücklich General Ahmad, Saeed Sheikh oder den ISI erwähnt. Zum Beispiel berichtete Brian Ross von ABC News, ihm sei von Bundesbehörden gesagt worden, dass sie »mehr als 100.000 Dollar von Banken in Pakistan aufgespürt hätten.« Ross berichtet auch, laut Time Magazine könne »ein Teil dieses Geldes … direkt zu Personen verfolgt werden, die Verbindungen zu Osama bin Laden haben.«29 Die Art, wie das FBI darstellte, dass das Geld von Personen stammt, »die Verbindungen zu Osama bin Laden haben«, lenkte die Aufmerksamkeit weg von General Ahmad, Saeed Sheikh und dem ISI. Derart aufgeweicht wurde die potenziell peinliche Entdeckung über den Geldtransfer in der Tat zur Bestätigung der offizielle Version verwendet – dass die Hauptverantwortung für die Anschläge bei Osama bin Laden liegt.

Spätere Beweise deuten darauf hin, dass Saeed Sheikh noch mehr Geld an Atta überwiesen hatte. Thompson hält fest, dass im Jahr 2000 nachweislich 100.000 Dollar überwiesen wurden und weitere 100.000 Dollar am 11. August 2001 und dass es nicht klar ist, auf welche dieser Überweisungen sich die Meldungen im Oktober 2001 beziehen.30 Außerdem behauptete die New York Times, dass insgesamt über 325.000 Dollar auf Attas Konten in Florida überwiesen wurden, und zwar von jemanden namens »Mustafa Ahmed«. Dieser Name wurde von einigen, darunter dem Guardian und CNN als Alias für Saeed Sheikh angesehen.31 Die letzten Überweisungen dieser Person auf Attas Konto datieren auf den 8. und 9. September.32 Thompson berichtet »diese Last-Minute-Überweisungen wurden angepriesen als entscheidender Beweis für die Beteiligung al-Qaidas an der Anschlägen am 11. September, weil Saeed als Finanzmanager bin Ladens bekannt ist.« Allerdings fragt Thompson auch: »Da Saeed für den ISI arbeitet, sind diese Überweisungen nicht ein genauso entscheidender Beweis für die Beteiligung des ISI an den Anschlägen?«33

Chossudovsky führt diesen Gedanken einen Schritt weiter und bezeichnet die Berichte über ISI-Überweisungen an Atta in Verbindung mit der Anwesenheit des ISI-Chefs in Washington während dieser Woche als die »fehlende Verbindung im Hintergrund des 11. September.« Seine Zusammenfassung hält fest:

Die Terroristen des 11. September handelten nicht aus eigenem Antrieb. Die Selbstmordentführer waren Instrumente in einer sorgfältig geplanten Geheimdienstoperation. Die Erkenntnisse bestätigen, dass al-Qaida vom pakistanischen ISI unterstützt wird - [und es ist reichlich dokumentiert, dass] der ISI seine Existenz der CIA verdankt.34

Chossudovsky ist dementsprechend der Auffassung, dass diese Beweise möglicherweise die Komplizenschaft von »Schlüsselpersonen innerhalb des US-Militärs und der Geheimdienste« nahelegen und fügt hinzu: »Es bleibt noch zu beweisen, ob dies auf eine Komplizenschaft seitens der Bush-Regierung hinausläuft. Zumindest kann man in diesem Stadium eine Untersuchung erwarten.«35

Chossudovsky ist nicht allein mit seinen Überlegungen, dass die Überweisungen auf die direkte Beteiligung der USA an der Planung des 11. September hinweisen könnten. Ahmed und Jared Israel stellen beide die Frage, ob die langjährige Verbindung zwischen der CIA und dem ISI bedeuten könnte, dass US-Finanzhilfen durch den ISI an al-Qaida geschleust wurden.36 Diese Möglichkeit legt auch ein Bericht in der Pittsburgh Tribune-Review nahe: »Viele in Musharrafs Regierung glauben, Saeed Sheikhs Macht komme nicht vom ISI, sondern von seinen Verbindungen mit unserer eigenen CIA. Die Theorie besagt … Saeed Sheikh ist gekauft und wird dafür bezahlt.«37

Nafeez Ahmed, der sich im Klaren ist, dass die Vermutung der CIA-Finanzierung spekulativ ist, glaubt aber, dass das, was als Nächstes passierte, zumindest zeigt, dass Washington nicht wollte, dass die anhaltende Beziehung zwischen al-Qaida und der ISI untersucht wird. Am 8. Oktober, kurz vor dem Beginn der Bombardierungen Afghanistans, gab General Ahmad seine Position beim ISI auf. Obwohl weithin verkündet wurde, er hätte beschlossen, es sei Zeit zurückzutreten, schrieb ein Bericht in der Times of India: »Die Wahrheit ist viel schockierender.« Diese noch schockierendere Wahrheit war, dass, nachdem Indien den USA Beweise für die Überweisung durch General Ahmad geliefert hatte, er klammheimlich entlassen wurde, nachdem »US-Behörden auf seine Entfernung drängt hatten.«38 Für Ahmed deutet dieses Verhalten auf eine Vertuschung hin:

Die Vereinigten Staaten, von denen man denken könnte, sie würden auf eine vollständige Untersuchung der Rolle des ISI dringen, verhinderten sie in Wirklichkeit, indem sie hinter den Kulissen den unauffälligen Rücktritt des ISI-Chefs forderten.

Durch den Druck, der den damaligen ISI-Generaldirektor dazu brachte, ohne viel Aufsehen unter dem Vorwand einer Neuorganisation zurücktreten, wurde jegliche öffentliche Aufmerksamkeit für das Umleiten von Mitteln an den angeblichen Entführer Mohammed Atta vermieden und die USA hatten jegliche Untersuchung der Angelegenheit abgeblockt. So verhinderten sie die Verbreitung dieser Fakten und erlaubten dem ISI-Chef, der offensichtlich mitschuldig an den Anschlägen des 11. September war, als freier Mann davon zu kommen.

Was auch immer die Motive hinter einer solchen zynischen Strategie sein mögen, es ist unbestreitbar, dass die Reaktion der USA zumindest auf ein hohes Maß an indirekter Komplizenschaft seitens der US-Regierung hindeuten, die anscheinend mehr Interesse am Schutz als an der Untersuchung und Verfolgung eines militärischen Geheimdienstes hatten, der den Anführer der Entführer der WTC- und Pentagon-Anschläge finanziert hatte.39

Chossudovsky findet es ebenfalls beunruhigend, dass »die Bush-Regierung sich weigert, die ISI-Verbindungen zu untersuchen.«40

Eine weitere mögliche Verbindung zwischen dem ISI und dem 11. September ist Khalid Scheich Mohammed, den die US-Regierung als Drahtzieher der Anschläge des 11. September ansieht (wie auch als einen der Planer des Projekts Bojinka, sowie der Bombenanschläge auf das WTC von 1993 und auf die USS Cole). Berichten zufolge besuchte er im Jahr 1999 wiederholt Attas Wohnung in Hamburg.41 Wie wir gesehen haben, gab er Atta einen Tag vor dem 11. September die endgültige Zustimmung in einem Telefonat, das die NSA abhörte. All dies ist allgemein bekannt (mit dem Vorbehalt, dass die NSA den Anruf nach eigenen Angaben erst nach dem 11. September übersetzte). Was selten erwähnt wurde, sind jedoch Beweise, dass Mohammed, ein Pakistaner, Verbindungen zum ISI hatte. Eine der wenigen Ausnahmen war Josef Bodansky, der Direktor der Einsatzgruppe des Kongresses für Terrorismus und unkonventionelle Kriegsführung, der 2002 feststellte, dass Mohammed Beziehungen zum ISI hatte, der ihn auch beschützte.42 Wenn dies richtig ist, dann bekam Mohamed Atta am Tag vor dem 11. September Geld von einem ISI-Agenten (Saeed Sheikh) und die endgültige Autorisierung durch einen anderen ISI-Agenten (Khalid Scheich Mohammed). Wir werden weiter unten außerdem sehen, dass es Beweise dafür gibt, dass Saeed und Mohammed in einer anderen ISI-bezogenen Operation eng zusammenarbeiteten.

Weitere Beweise, die belegen, dass der ISI untersucht werden sollte

Kritiker der offiziellen Darstellung des 11. September berichten, dass neben der Tatsache, dass US-Beamte offenbar die Verbindung zwischen ISI und al-Qaida in den Vereinigten Staaten zu vertuschen versuchten, es auch noch andere Berichte über den ISI gab, die nahe legen, dass jeder wirkliche Versuch, den 11. September zu verstehen, sich auf diesen Geheimdienst konzentrieren muss. An einigen dieser Berichte sind investigative Reporter beteiligt.

Im November 2001 war Christina Lamb in Pakistan, um die Verbindungen zwischen dem ISI und den Taliban zu untersuchen, aber der ISI ließ sie verhaften und des Landes verweisen.43

Ende Januar 2002 wurde der Wall Street Journal-Reporter Daniel Pearl in Pakistan entführt, als er nach einem Bericht in der Washington Post »Verbindungen zwischen pakistanischen Extremisten und Richard C. Reid untersuchte, dem Briten, der beschuldigt wurde, mit in seinen Turnschuhen verstecktem Sprengstoff ein amerikanisches Flugzeug zu sprengen.« Pearl hatte einen Bericht im Boston Globe gelesen, der Hinweise enthielt, Reid könnte Verbindungen zu einer religiösen Gruppe namens al-Fuqra gehabt haben. Er war Berichten nach dabei den Führer der Gruppe, Ali Gilani, zu treffen, als er entführt wurde. Gilani hatte angeblich Verbindungen zu Saeed Sheikh und der ISI. Die Geschichte in der Washington Post fuhr fort: »Als Teil dieser Ermittlungen könnte sich Pearl im Gebiet der pakistanischen Geheimdienstorganisationen verirrt haben.«44 Die US-Presse vermutete deshalb bereits früh, dass den ISI für Pearls Schicksal verantwortlich war.

Dass die Entführer keine gewöhnlichen Terroristen waren, wurde durch ihre Forderungen klar, vor allem die, dass die Vereinigten Staaten F-16-Kampfjets an Pakistan verkaufen sollten. Wie Thompson kommentiert: »Keine terroristische Gruppe hat jemals Interesse an der F-16 gezeigt, vielmehr spiegeln diese und andere Forderungen Wünsche des pakistanischen Militärs und des ISI wider.«45 UPI berichtete Ende Januar 2002 tatsächlich, dass US-Geheimdienste glaubten, dass die Entführer Verbindungen zum ISI hätten.46 Spätere Berichte über Pearl erwähnten nur selten den ISI.

Nachdem klar wurde, dass Pearl ermordet wurde, wurde auch bekannt, dass Saeed, der ISI-Agent, der 100.000 Dollar an Mohamed Atta überwiesen hatte, an der Entführung beteiligt war. Der ISI nahm ihn fest und hielt ihn für eine Woche versteckt, wonach weder Saeed noch der ISI erörterten, was in dieser Zeit passierte. Die pakistanische Polizei schrieb Pearls Ermordung daraufhin Saeed zu. Dieser hatte zunächst gestanden, aber nach seiner Verurteilung zum Tode durch Erhängen widerrief er sein Geständnis. Thompson fragt: »Hat Saeed während der ‚fehlenden Woche‘ im ISI-Gewahrsam eine geheime Vereinbarung ausgehandelt, um ein leichtes Urteil zu erlangen, eine Vereinbarung, die später gebrochen wurde?«47 In jedem Fall haben zwischen Saeeds Verhaftung und seinem Geständnis, wie Thompson berichtet, einige Nachrichten seine Verbindungen zu al-Qaida erwähnt, einige seine Verbindungen zum ISI, die meisten erwähnten aber keine von diesen Zusammenhängen. Bei Saeeds Verurteilung im Juli 2002 »stellte keine einzige US-Zeitung Saeeds Verbindung zu al-Qaida oder dem ISI her.« Thompson fragt: »Haben die Medien generell Angst, Nachrichten herauszugeben, die eine Verbindung zwischen dem ISI und den Anschlägen des 11. September nahe legen könnten?«48

Die gleiche Frage stellt sich auch im Hinblick auf die Berichterstattung zu Khalid Scheich Mohammeds Verwicklung im Fall Pearl. Im Jahr 1997 erfuhr der ehemalige CIA-Agent Robert Baer von einem ehemaligen Polizeichef aus Katar – wohin Mohammed nach der Aufdeckung des Bojinka-Plans auf den Philippinen geflohen war – dass Mohammed einer der wichtigsten Helfer bin Ladens war.49 Baer erzählte dann Pearl von Mohammed, so dass Pearl die Verbindung zwischen Reid und Mohammed untersuchen konnte. Die Ermittler kamen jedenfalls später zu der Überzeugung, dass Reid unter Mohammeds Aufsicht gehandelt hat.50. Sie kamen auch zu der Überzeugung, dass Mohammed der Drahtzieher der Entführungen war.51 Des Weiteren behauptete Josef Bodansky, der Mann, der im Jahr 2002 behauptete, Mohammed hätte Verbindungen zum ISI, später, dass Mohammed derjenige war, der Pearl ermordet hatte.52 Im Oktober 2003 sagte Reporter John Lupkin, dass US-Beamte »jetzt neue Informationen haben, dass [Mohammed] Pearl getötet hat.«53 In seinem Bericht gibt es jedoch keinen Hinweis auf eine mögliche Verbindung zum ISI. Pearl soll an »einem Bericht über militante Islamisten« gearbeitet haben. Und die einzige Organisation, mit der Mohammed verbunden ist, ist al-Qaida.

Auf jeden Fall soll Khalid Scheich Mohammed, der der Mastermind hinter dem 11. September sein soll, auch hinter der Entführung und Ermordung von Daniel Pearl stecken. Wenn dem so ist, wäre es kein großer Sprung schlusszufolgern, dass Pearl umgebracht wurde aus Angst davor, er könnten die Wahrheit über den 11. September aufdecken. Falls Mohammed tatsächlich mit dem ISI verbunden war, wäre dies ein weiterer Grund, eine Beteiligung des ISI am 11. September zu vermuten.

Noch eine andere Geschichte, die den ISI und Reporter betraf, begann, als die pakistanische Regierung im Februar 2002 die Zeitung News nicht daran hindern konnte, einen Bericht über Saeeds Verbindungen zum ISI zu veröffentlichen. Wie der Bericht enthüllte, hatte Saeed nicht nur seine Verwicklung in die Anschläge auf das indische Parlament zugegeben, sondern auch ausgesagt, dass der ISI ihm geholfen hatte, die Anschläge zu finanzieren, zu planen und auszuführen. Kurz darauf drängte der ISI die News, die vier Journalisten zu feuern, die an dem Bericht gearbeitet hatten, und verlangte zusätzlich eine Entschuldigung vom Herausgeber der Zeitung. Die Journalisten wurden entlassen und der Herausgeber floh aus Pakistan.54 Nachdem er diese Berichte zusammengefasst hat, fügt Thompson hinzu: »Diese Informationen stammen aus einem Artikel mit dem Titel 'Es steckt viel mehr hinter Daniel Pearls Ermordung' und das scheint mit Sicherheit der Fall zu sein.«55

Dass der ISI offenbar so viel zu verbergen hat, sollte kombiniert mit der Tatsache, dass die Entführer und Mörder eines amerikanischen Journalisten Berichten zufolge die gleichen ISI-Agenten waren, die Geld an Mohamed Atta überwiesen hatten, die US-Geheimdienste sehr bedacht machen - so würde man annehmen - Saeed zu befragen, um alles über den ISI zu erfahren. Die Washington Post schrieb zum Beispiel: »Der ISI ist ein Haus des Schreckens, das darauf wartet aufzubrechen. Saeed hat viel zu erzählen.«56 Dennoch erklärte das Time-Magazin Ende Februar 2002, dass Mullah Haji Abdul Samat Khaksar, der zweithöchste Taliban in US-Gewahrsam, nach mehreren Monaten immer noch darauf wartete, von der CIA verhört zu werden, obwohl er angeblich freiwillig angab, dass »ISI-Agenten immer noch mit den Taliban und al-Qaida verwickelt waren.« Viele Monate später wurde der Indian Express gefragt, warum Saeed, der in einem pakistanischen Gefängnis saß, immer noch nicht durch US-Geheimdienste befragt worden war.57 Laut Kritikern der offiziellen Darstellung weist dieser Mangel an Neugier darauf hin, dass US-Geheimdienste annahmen, diese Männer ihnen nichts zu sagen hätten, was sie nicht schon wüssten.

Weit entfernt von der Verfolgung der ISI-Verbindungen schien Washington tatsächlich leugnen zu wollen, dass es überhaupt welche gab. Im März 2002 erklärte Außenminister Powell, es gäbe keine Verbindungen zwischen Pearls Ermordung und »Elementen des ISI«. Angesichts der überwältigenden Beweise, dass der Hauptverdächtige, Saeed Sheikh, für die ISI arbeitete, schrieb der Guardian, Powells Leugnen sei »schockierend«.58 Kurz darauf kündigte Justizminister Ashcroft eine Anklage gegen Saeed an, ohne einen Hinweis auf die Finanzierung der Anschläge am 11. September.59

Diese Vorfälle, die auf einen offiziellen Wunsch der Vertuschung der ISI-Beteiligung hinweisen, hatten im Jahr 1999 einen erstaunlichen Vorläufer. Laut späteren Berichten nahm Randy Glass, ein Informant der US-Regierung, ein Gespräch mit einigen illegalen Waffenhändlern und einem ISI-Agenten namens Rajaa Gulum Abbas auf. Dieses Abendessen, das am 14. Juli 1999 stattfand und von als Gästen getarnten FBI-Agenten observiert wurde, fand in einem Restaurant in Sichtweite des WTC statt. Abbas wollte eine Schiffsladung an gestohlenen US-Waffen kaufen, um sie bin Laden zu geben, zeigte auf das WTC und sagte: »Diese Türme werden noch einstürzen.«60 Im Juni 2002 wurde Abbas im Geheimen für den Versuch angeklagt, illegal Waffen des US-Militärs zu kaufen. Als die Anklage schließlich im März 2003 offengelegt wurde, enthielt sie »keine Erwähnung Pakistans, jeglicher Verbindungen zum ehemaligen Taliban-Regime in Afghanistan oder den eigentlichen Bestimmungsort der Waffen.«61

Wenn der Teil dieser Geschichte über die Türme stimmt, zeigt er, dass der Plan für Anschläge auf das WTC diskutiert wurde, lange bevor die Bush-Regierung im Amt war und sogar noch vor September 2000, als das Projekt für das Neue Amerikanische Jahrhundert sein Manifest mit dem Hinweis auf die Vorteile veröffentlichte, die »ein neues Pearl Harbor« bringen könnte. Und falls das stimmt, gibt es noch mehr Indizien für eine ISI-Beteiligung an der Planung des 11. September und es wird noch auffälliger, dass die Bush-Regierung so versessen darauf ist, den Namen des ISI aus allen Berichten zum 11. September herauszuhalten.

Die FBI-Flucht vor Untersuchungen der Flugschulen

Ein weiterer Fall an mangelnder Neugier über die Hintergründe der Anschläge zeigte das FBI im Zusammenhang mit einem Bericht, der vier Tage nach dem 11. September herauskam, laut dem viele der angeblichen Entführer Flugtraining auf US-Militäreinrichtungen erhielten. Zu den Einrichtungen gehörten die Naval Air Station in Pensacola, die Brooks Air Force Base in San Antonio, die Maxwell Air Force Base in Alabama und das Defense Language Institute in Monterey, Kalifornien.62 Der Pensacola-Stützpunkt war sogar als ständiger Wohnsitz auf den Führerscheinen von drei der Männer angegeben.63 Als ein Sprecher der US Air Force dazu befragt wurde, sagte er, die Namen wären ähnlich, »wir sprechen aber wahrscheinlich nicht von den gleichen Leuten.«64

Daniel Hopsicker, TV-Produzent, Buchautor und Investigativjournalist, berichtet, dass eine Majorin der Pressestelle der Luftwaffe auf seine Frage nach dem Bericht folgendes sagte: »Biographisch, handelt es sich nicht um die gleichen Personen. Einige sind 20 Jahre älter.« Als Hopsicker erwiderte, er sei nur an Mohamed Atta interessiert, und fragte, ob sie »sagen würde, dass sich das Alter von Mohammed Atta, der die Air Force International Officer's School in der Maxwell Air Force Base besucht hatte, vom gemeldeten Alter des Terroristen Atta unterschied«, antwortete sie: »Ähm, äh, nein.« Als Hopsicker dann Informationen über denjenigen Mohammed Atta, der die Schule in Maxwell besucht hatte, haben wollte, um ihn zu kontaktieren, antwortete die Majorin nach seinem Bericht, dass sie nicht glaube, diese Informationen bekommen zu können. Am 16. September erklärten Nachrichtenreportagen im Hinblick auf Atta und zwei weitere Männer, die angeblich US-Militärschulen besucht hatten: »Beamte würden das Alter, das Ursprungsland oder andere spezifische Angaben zu den drei Personen nicht mitteilen.«65

Selbst US-Senatoren wurden offensichtlich abgeblockt. Als Senator Bill Nelson aus Florida erfuhr, dass drei der Entführer in der Pensacola Naval Station ausgebildet worden waren, schickte er einen Brief an Justizminister Ashcroft, um zu fragen, ob das wahr wäre. Hopsicker berichtet, dass ein Sprecher des Senators auf Anfrage angab: »Wir bekamen nie eine endgültige Antwort vom Justizministerium. Also fragten wir beim FBI nach. … Ihre Antwort war, sie versuchten, etwas kompliziertes und schwieriges zu durchsuchen.«

Obwohl dieses »komplizierte und schwierige« Problem ungelöst war und Dutzende anderer Umstände nach einer umfassenden und intensiven Untersuchung zu schreien schienen, nannte FBI-Direktor Mueller am 10. Oktober die einmonatige FBI-Untersuchung die »gründlichste in seiner Geschichte« und erklärte sie für beendet. Spitzenbeamte sollen gesagt haben, Muellers Einstellung war, dass seine Agenten nun »ein umfassendes Verständnis der Ereignisse des 11. September hätten« und dass »es jetzt an der Zeit sei, nach vorne zu blicken.«66 Laut Washington Post beschrieb Mueller »die Berichte, dass mehrere der Entführer in den USA Flugtraining erhielten, als ‚Nachrichten, ganz offensichtlich‘«. Aber er wies dann den Agenten, die diese Nachrichten untersuchten, neue Aufgaben zu.67 »Dem Untersuchungspersonal muss klar gemacht werden«, wurde ein Beamter der Strafverfolgungsbehörden zitiert, »dass wir nicht versuchen, ein Verbrechen aufzuklären.«68

Für Kritiker der offiziellen Darstellung deutet nicht nur die Weigerung des FBI, diese Geschichte zu untersuchen, auf eine Vertuschung, sondern auch Beweise, dass es früher versucht hatte, die Ausbildung einiger der Flugzeugentführer an zwei Flugschulen in Venice, Florida, zu verschleiern. Hopsicker berichtet nicht nur, dass viele der Männer an diesen beiden Schulen trainiert hatten, sondern auch, dass nur 18 Stunden nach den Anschlägen – um 2 Uhr nachts – FBI-Agenten in beide Schulen kamen und die Akten der Flugschüler mitnahmen.69 Dies verleiht wie der vom FBI beschlagnahmte Überwachungsfilm der Tankstelle gegenüber dem Pentagon dem Vorwurf zusätzliches Gewicht, dass das FBI doch recht spezifisches Vorwissen hatte.

Die schnelle Entlassung von Omar al-Bayoumi durch das FBI

Eine Tatsache über die Untersuchungen nach dem 11. September, die Kritiker der offiziellen Version für bemerkenswert halten, ist, dass viele Menschen ohne offenkundige Verbindungen zu den Entführern verhaftet und für längere Zeit festgehalten wurden, aber einige Personen mit offensichtlichen Verbindungen schnell frei kamen, wenn sie überhaupt verhaftet wurden. Zum Beispiel berichtet Thompson, dass bereits im Jahr 1999, als Nawaf Alhazmi und Khalid Almihdhar – die später als zwei der Entführer bezeichnet wurden – das erste Mal in die USA einreisten, sie sich am Flughafen in Los Angeles mit einem Saudi namens Omar al-Bayoumi getroffen haben. Er fuhr sie nach San Diego und stellte ihnen eine Wohnung zur Verfügung. Er half ihnen auch beim Eröffnen eines Bankkontos, bei der Kfz-Versicherung, Sozialversicherungskarten und beim Anrufen von Flugschulen in Florida.70 Wie die gemeinsame Untersuchungskommission später erfahren würde: »Eine seiner besten Quellen in San Diego informierte das FBI, dass al-Bayoumi« – der anscheinend Zugriff auf große Geldsummen hatte – »ein saudischer Geheimagent sein muss.«71 Zwei Monate vor dem 11. September zog al-Bayoumi nach England. Nach dem 11. September wurde er von britischen Agenten verhaftet, die mit dem FBI zusammenarbeiteten. Doch das FBI, das anscheinend al-Bayoumis Geschichte akzeptierte, er hätte Alhazmi und Almihdhar zufällig getroffen, drängte die britischen Geheimdienstler zur Freilassung »nach einer Woche ohne Anklage.« Thompson dazu: »Al-Bayoumis schnelle Freilassung steht in scharfem Gegensatz zu Hunderten von US-Muslimen, die nach dem 11. September viele Monate anonym festgehalten wurden, obwohl sie keinerlei Verbindungen zum Terrorismus hatten.«72

Eine Vertuschung durch die NSA?

Ende Oktober 2001 berichtete der Boston Globe, dass einige Geheimdienstmitarbeiter der Regierung wütend waren, weil die National Security Agency (NSA) sachdienliche Informationen zum Untersuchung des 11. September zerstört hätte. Sie behaupteten auch, dass möglichen Hinweisen nicht nachgegangen wurde, weil die NSA nicht kooperierte.73 In einem Bericht, der nach Thompsons Meinung damit in Verbindung steht, berichtete der Investigativreporter James Bamford, eine Autorität zum Thema NSA, dass mindestens sechs der identifizierten Entführer, darunter alle an Bord von Flug 77 aus Washington, »von August bis zum 11. September in Laurel, Maryland wohnten, arbeiteten, und alle ihre Aktivitäten planten und entwickelten, in der Stadt, die als Heimat der NSA gilt. Also lebten sie tatsächlich zusammen mit NSA-Mitarbeitern, als sie diese Sachen ausarbeiteten.«74 Das könnte einfach nur ein Zufall sein, aber die Vorwürfe einer Vertuschung durch NSA-Beamte sollte zumindest Anlass für Verwunderung sein.

Spätere Entwicklungen rund um Moussaoui

Am 2. Juli 2002 wurden Anträge von Zacarias Moussaoui vor einem Bundesgericht entsiegelt. Moussaoui behauptete Informationen zu haben, die zeigten, dass die US-Regierung die Anschläge im September geschehen lassen wollte, und gab an, vor einer Grand Jury und dem Kongress aussagen zu wollen.75 Bisher ist das, was er zu sagen hat, nicht öffentlich gemacht worden.

Im September 2002 enthüllte der Investigativjournalist Seymour Hersh, dass Staatsanwälte nicht über eine Verständigung im Strafverfahren zu Moussaoui diskutiert hatten, weil er bereits im November des Vorjahres angeklagt worden war. Hersh berichtet, dass »Moussaouis Anwälte und einige FBI-Beamte fassungslos sind, dass die Regierung keine Verständigung im Strafverfahren zu betreiben.« Hersh zitiert einen Pflichtverteidiger auf Bundesebene mit den Worten: »Ich hatte noch nie mit einem Verschwörungsfall zu tun, bei dem die Regierung nicht daran interessiert war zu wissen, ob der Beklagte irgendwelche Informationen hatte – um herauszubekommen, ob nicht mehr hinter der Verschwörung steckt.«76

Im Juli 2003 enthielt ein Bericht der Associated Press folgende Angaben:

Trotz einer gerichtlichen Anordnung sagte das Justizministerium, es würde einen al-Qaida-Zeugen nicht dem Terrorismusverdächtigen Zacarias Moussaoui zugänglich machen – obwohl den Staatsanwälten klar war, dass dies die Abweisung der Anklage bedeuten konnte.

Das einzige Verfahren in den USA, das sich aus den Anschlägen vom 11. September ergibt, könnte an ein Militärgericht weitergegeben werden, wenn US-Bezirksrichterin Leonie Brinkema den Fall abweisen würde. …

Die Regierung erklärte, sie wisse, dass wegen ihrer Einwände die eidesstattliche Aussage von Ramzi Binalshibh, dem vermutlichen Organisator des 11. September, nicht weitergehen kann. Die Entscheidung des Justizministeriums »verpflichtet das Gericht damit, die Klage abzuweisen, es sei denn das Gericht findet heraus, dass den Interessen der Gerechtigkeit durch eine andere Maßnahme gedient werden kann«, wie die Anklage feststellte. …

Brinkema hat entschieden, dass Moussaoui, der sich selbst vertritt, erlaubt sein sollte, Binalshibh über eine Satelliten-Verbindung zu befragen. Der Austausch, den die Regierung verzweifelt zu stoppen versucht, könnte einer Jury vorgespielt werden, wenn Moussaouis Fall vor Gericht kommt. …

Die Regierung wiederholte am Montag frühere Argumente: »Eine eidesstattliche Aussage, bei der ein geständiger und unverbesserlicher Terrorist (der Angeklagte) einen seiner al-Qaida-Verbündeten befragt, führt zwangsläufig zur unbefugten Weitergabe von klassifizierten Informationen. Ein solches Szenario ist für die Regierung nicht hinnehmbar, weil sie nicht nur die Verantwortung für die strafrechtliche Verfolgung des Beklagten trägt, sondern auch für den Schutz der Sicherheit dieser Nation während eines Krieges mit einem Feind, der bereits tausende unserer Bürger ermordet hat.«77

Aus der Sicht der Kritiker der offiziellen Version des 11. September deuten diese Berichte darauf hin, dass das primäre Ziel des Justizministeriums nicht ist, herauszufinden, was wirklich passiert ist, oder den Mann strafrechtlich zu verfolgen, der als »20. Hijacker« bekannt wurde, sondern ihn vom Reden in der Öffentlichkeit abzuhalten.

Beförderungen statt Strafe

Die beiden wichtigsten Theorien, die dem Scheitern, die Anschläge des 11. September zu verhindern Rechnung tragen, sind wie wir gesehen haben, die Theorie einer Tatbeteiligung und die Inkompetenz-Theorie. Wie Barrie Zwicker betont, »verdient Inkompetenz in der Regel Verweise«, sodass aus der Sicht der Kritiker das Ausbleiben von Verweisen die Inkompetenz-Theorie schwächt. Thompson berichtet zum Beispiel, dass über ein Jahr nach dem 11. September die Leiter von CIA, FBI und NSA alle vor einem Kongressausschuss zugaben, dass niemand in diesen Behörden entlassen wurde oder sogar für Fehltritte in Verbindung zum 11. September bestraft wurde.78

Im Gegenteil, so Thompson, wurden einige von ihnen befördert. Zum Beispiel Marion »Spike« Bowman, die im FBI-Hauptquartier den Antrag des Büros in Minneapolis auf Zugriff auf Moussaouis Habseligkeiten abgeändert hatte und im Dezember 2002 eine FBI-Auszeichnung für »herausragende Leistungen« bekam. Hinzu kommt, dass diese Auszeichnung vergeben wurde, nachdem ein Bericht des Kongresses feststellte, dass Bowmans RFU-Einheit den FBI-Agenten in Minneapolis »auf unentschuldbare Weise konfuse und ungenaue Informationen gegeben hatte«, die »offenkundig falsch« waren.79

Beim Nachdenken über diese und andere Beförderungen konstatierte ein ehemaliger Beamter des Justizministeriums, FBI-Direktor Mueller hat »genau die Leute befördert, die die Verantwortung für das Versagen … hatten.«80 Solche Beförderungen unterstützen natürlich die Behauptung der Kritiker, dass aus Sicht des FBI und - allgemeiner - der Bush-Regierung die Ereignisse des 11. September kein Versagen darstellen, sondern einen spektakulären Erfolg.

Für Kritiker der offiziellen Darstellung sind die in diesem Kapitel gesammelten Indizien zum offiziellen Verhalten der USA nach dem 11. September Argumente, dass nicht nur die offizielle Darstellung falsch ist, sondern auch, dass der wahre Ablauf auf eine amerikanische Komplizenschaft weist. Erstens weisen die Beweise dafür, dass die amerikanischen Streitkräfte nicht wirklich versuchten, Osama bin Laden festzunehmen, darauf hin, dass seine langjährige Beziehung mit US-Behörden nicht wirklich, wie von der offiziellen Darstellung behauptet, beendet wurde. In Bezug darauf, welche US-Institutionen an der Verschwörung beteiligt waren, sprechen die Beweise in diesem Kapitel, mehr noch als die in früheren Kapiteln, für eine Beteiligung der CIA. Dieses Kapitel bietet außerdem weitere Beweise für eine Komplizenschaft des Weißen Hauses, zumindest beim Versuch, die Beteiligung des ISI und damit der CIA zu vertuschen. Im Hinblick auf die Beteiligung des Weißen Hauses an der Planung: Wenn es tatsächlich die Vorhersage eines ISI-Agenten über die WTC-Türme im Jahr 1999 gab und dies einen gemeinsamen ISI-CIA-Plan widerspiegelt, dann muss es den Plan gegeben haben, lange bevor sicher war, dass George W. Bush Präsident werden würde. Wenn er an der Planung beteiligt war, wäre er höchstwahrscheinlich dazu gestoßen, nachdem der grundlegende Plan bereits formuliert worden war.

© David Ray Griffin
Oliver Bommer (deutsche Übersetzung)