7. Kapitel: Hatten US-Beamte Gründe den 11. September zuzulassen?
Das neue Pearl Harbor - Band 1
Beunruhigende Fragen zur Bush-Regierung und zum 11. September
Teil 2: Die größeren Zusammenhänge
7. Kapitel
Hatten US-Beamte Gründe den 11. September zuzulassen?
Die Kriege der US-Regierung in Afghanistan und im Irak werden als Teile ihres »Krieges gegen den Terror« dargestellt. Diese Kriege wurden anders ausgedrückt als Reaktionen auf die Terroranschläge des 11. September gerechtfertigt. Kritiker der offiziellen Version sagen allerdings, diese Kriege standen tatsächlich lange vor den Anschlägen auf der Tagesordnung der Bush-Regierung. Außerdem behaupten sie, diese Kriege seien Teil einer noch größeren Agenda.
Pläne für einen Angriff auf Afghanistan vor dem 11. September
In Bezug auf Afghanistan stützt sich Nafeez Ahmed auf verschiedene Quellen (1) und nennt es eine Angelegenheit von öffentlichem Interesse, dass »entsprechend der wachsenden Verlagerung der US-Politik gegen die Taliban eine militärische Invasion Afghanistans lange vor dem 11. September geplant war.«2 Ahmed und Thompson vermuten beide, dass zumindest eins der grundlegenden Ziele hinter diesem Plan, ein riesiges Projekt des Ölkonsortiums CentGas (Central Asia Gas Pipeline) war. Dieses Konsortium, zu dem auch die saudi-arabische Delta Oil gehört, wurde von Unocal, einem der US-amerikanischen Ölgiganten gegründet, um in Afghanistan und Pakistan Pipelines für den Transport von Öl und Gas aus Turkmenistan zum Indischen Ozean zu bauen. Im September 2000, ein Jahr vor dem 11. September, konstatierte ein von der US-Regierung veröffentlichtes Energie-Merkblatt:
Vom Energie-Standpunkt aus gesehen liegt die Bedeutung Afghanistans in seiner geographischen Lage als potentielle Transitroute für Öl und Erdgas aus Zentralasien zum Arabischen Meer. Zu diesem Potenzial gehören die geplanten milliardenschweren Öl- und Gasexport-Pipelines durch Afghanistan.3
Zeitweise hatten Unocal und Washington gehofft, die Taliban würden für ausreichende Stabilität sorgen, um mit ihrem Projekt voranzukommen. Diese Hoffnung hatten sie aber aufgegeben.
Als Hintergrundinformation erklären Ahmed und Thompson, dass die Taliban ursprünglich von der CIA gegründet wurden, und zwar in Zusammenarbeit mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI (Inter-Services Intelligence) und mit zusätzlicher finanzieller Unterstützung aus Saudi-Arabien.4 Nach Ahmed Rashids renommierten Buch Taliban war das Pipeline-Projekt für diese Unterstützung von zentraler Bedeutung:
Beeindruckt von der Rücksichtslosigkeit und der Bereitwilligkeit der damals aufkommenden Taliban, den Pipeline-Deal durchzuziehen zu wollen, stimmte das US-Außenministerium und Pakistans Inter Services Intelligence Agency Waffenlieferungen und Geldhilfen an die Taliban zu.5
Als die Taliban mithilfe der durch den ISI weitergegebenen Finanzhilfen aus Saudi-Arabien und der CIA 1996 Kabul eroberten, schöpfte Unocal Hoffnung, dass sie genügend Stabilität bieten würden, um seine Pipelines zu bauen und zu beschützen. Tatsächlich wurde von einer »vorläufigen Vereinbarung [über das Pipeline-Projekt] berichtet, die lange vor dem Fall von Kabul zwischen der Taliban und Unocal geschlossen wurde.«6 Unocal stellte sogar laut Berichten einen Teil der finanziellen Unterstützung für die Taliban zur Verfügung.7 Thompson weist darauf hin, dass die Taliban weiterhin den Absichten des ISI dienten. Dies wird durch Folgendes deutlich: als die Taliban-Truppen dabei waren, im Jahr 1998 die wichtigste Stadt im Norden Afghanistans zu erobern, schickte ein ISI-Beamter folgende Meldung: »Meine Jungs und ich reiten gerade in Mazar-i-Sharif ein.«8 Jedenfalls hatten die Taliban nach der Eroberung der Stadt die Kontrolle über den größten Teil Afghanistans, einschließlich der gesamten Pipeline-Trasse. CentGas kündigte daraufhin an, sie seien »bereit, fortzufahren.«9
Im Laufe des Jahres kamen Unocal jedoch Zweifel, ob die Taliban ausreichende Stabilität bieten könnten, und zogen sich aus CentGas zurück. Von da an, so Ahmed, »wurden die USA gegenüber den Taliban zunehmend feindlicher eingestellt und begannen nach anderen Möglichkeiten zu suchen, um ihre regionale Vormachtstellung zu sichern. Gleichzeitig behielten sie noch gewisse Beziehungen zum Regime aufrecht, um eine nicht-militärische Lösung aushandeln zu können.«10
Der letzte Versuch, eine nicht-militärische Lösung zu finden, war Berichten zufolge ein viertägiges Treffen in Berlin im Juli 2001. Die Bush-Regierung versuchte, die Taliban dazu zu bewegen, die Macht in einer gemeinsamen Regierung der »nationalen Einheit« zu teilen. Nach Angaben von Niaz Naik, des pakistanischen Vertreters bei der Sitzung, sagte einer der Amerikaner, »entweder verhalten sich die Taliban so, wie sie sollten … oder wir nutzen eine andere Option … eine militärische Operation.« Ein anderer Amerikaner sagte den Taliban: »Entweder ihr akzeptiert unser Angebot eines Teppichs aus Gold oder wir begraben Euch unter einem Teppich aus Bomben.«11 Obwohl einer der Amerikaner solch eine Drohung später leugnete, bestätigt ein anderer sie wie folgt: »Ich glaube, es gab einige Diskussionen über die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten so von den Taliban angewidert waren, dass sie eine militärische Aktion in Betracht zogen.«12
Laut einem BBC-Bericht sagte Naik außerdem, er sei von amerikanischen Spitzenkräften informiert worden, dass »der Militäreinsatz gegen Afghanistan bis Mitte Oktober beginnen würde« – noch »bevor der erste Schnee in Afghanistan fällt, spätestens Mitte Oktober.«13 Thompson konstatiert, dass die US-amerikanische Bombardierung Afghanistans am 7. Oktober begann, und fragt: »Ist es Zufall, dass die Angriffe genau zu dem Zeitpunkt beginnen, den die USA Monate vor dem 11. September genannt hatten?«14 Die Vermutung, dass es nicht einfach nur ein Zufall war, stützt sich auf eine Darstellung eines ehemaligen Mitglieds der Nationalgarde von South Carolina, der später folgendes berichtete:
Meiner Einheit, die für ein Manöver im Juli 2001 angetreten war, wurde plötzlich und unerwartet mitgeteilt, alle für die nächsten zwei Monate geplanten Aktivitäten wären ausgesetzt, um uns statt dessen auf eine Mobilisierungsübung am 14. September 2001 vorzubereiten. Wir arbeiteten fleißig zwei Wochenenden lang und kamen sogar an einem außerplanmäßigen Augusttag zum Dienst, um die Übung vorzubereiten. Ende August war alles, was wir brauchten, der erwartete Anruf und wir konnten mit gepackten Taschen und unserer Ausrüstung in einen voll vorbereiteten Konvoi hüpfen.15
Wenn dieser Bericht stimmt, legt er nahe, dass schon im Juli bekannt war, dass die Anschläge in Kürze stattfinden würden, noch vor dem 14. September. In jedem Fall glaubt Niaz Naik ebenfalls nicht, dass es nur Zufall war. Der BBC-Bericht zitierte ihn mit den Worten, er »habe keinen Zweifel daran, dass nach den World Trade Center-Bombardierungen der bereits bestehende US-Plan genutzt und innerhalb von zwei oder drei Wochen umgesetzt wurde.«
Naik sagte auch, es sei zweifelhaft, ob Washington den Plan fallengelassen hätte, selbst wenn bin Laden sofort von den Taliban überstellt worden wäre: »Das übergeordnete Ziel war es, das Taliban-Regime zu stürzen und eine Übergangsregierung zu installieren.«16 Ahmed und Thompson finden, die nachfolgenden Ereignisse bestätigen diese Einschätzung der Agenda und auch die Ansicht, dass dazu die Erleichterung des Pipeline-Projekts gehörte.
Dies drückt sich auch in folgender Feststellung eines Autors einer israelischen Zeitung aus:
Betrachtet man die Karte der großen amerikanischen Stützpunkte, fällt einem die Tatsache auf, dass sie passgenau auf der Route der geplanten Ölpipeline an den Indischen Ozean liegen. … Wenn ich ein Anhänger von Verschwörungstheorien wäre, würde ich denken, bin Laden ist ein amerikanischer Agent.17
Thompson und Ahmed weisen auch darauf hin, dass sowohl der neue afghanische Ministerpräsident Hamid Karzai wie auch Präsident Bushs Sondergesandter für Afghanistan Zalamy Khalilzad zuvor auf der Gehaltsliste von Unocal standen. Diese Ernennungen, so Ahmed, »veranschaulichen die grundlegenden Interessen hinter der US-Militärintervention in Afghanistan.«18 Bereits vor dem 10. Oktober hatte das US-Außenministerium den pakistanischen Erdölminister informiert, dass »in Anbetracht der jüngsten geopolitischen Entwicklungen« Unocal bereit sei, mit dem Pipeline-Projekt fortzufahren.19
Vor diesem Hintergrund zieht Ahmed den Schluss, dass der 11. September eher der »Auslöser« als der Grund für den US-Krieg in Afghanistan war.20
Pläne für einen Angriff auf den Irak vor dem 11. September
Anfang März 2002 sagte Präsident Bush in einer Erklärung, er mache sich wegen Osama bin Laden wenig Sorgen und fügte hinzu: »Ich bin zutiefst besorgt über den Irak.«21 Thompson und Ahmed glauben, dass dies keine neu aufgekommenen Sorgen waren und der Krieg gegen den Irak genau wie der in Afghanistan von US-Spitzenkräften bereits vor dem 11. September geplant wurde.
Ein Teil der Beweise für diese Behauptung finden sich in dem Dokument Rebuilding America’s Defenses: Strategy, Forces, and Resources for a New Century (Amerikas Verteidigung wieder aufbauen: Strategie, Kräfte und Ressourcen für ein neues Jahrhundert), das ich kurz in der Einleitung erwähnt habe. Dieses Dokument wurde im September 2000 vom Project for the New American Century (PNAC, Projekt für das Neue Amerikanische Jahrhundert) veröffentlicht, einer neokonservativen Denkfabrik, die aus vielen Personen bestand, die Mitglieder der Bush-Regierung wurden, darunter Dick Cheney, Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz (Rumsfelds Stellvertreter im Verteidigungsministerium) und Lewis »Scooter« Libby (Cheneys Stabschef).22 Im Hinblick auf die Frage, ob der Krieg gegen den Irak im Jahr 2003 von der vermeintlichen Notwendigkeit motiviert war, Saddam zu beseitigen, wie diese Männer später behaupten würden, ist die folgende, von Thompson zitierte Passage aus Rebuilding America’s Defenses relevant:
Die Vereinigten Staaten haben seit Jahrzehnten versucht, eine dauerhaftere Rolle in der Sicherheit der Golfregion zu spielen. Während der ungelöste Konflikt mit dem Irak die unmittelbare Rechtfertigung darstellt, geht das Bedürfnis nach einer erheblichen amerikanischen Militärpräsenz im Golf über das Problem von Saddam Hussein Regime hinaus.23
Die Hauptsache war anders ausgedrückt eine »substantielle Präsenz amerikanischer Streitmacht in der Golfregion«, für die Saddam die »unmittelbare Rechtfertigung« bot. Edward Herman weist ebenfalls auf die Bedeutung dieses Dokuments hin, um die Ernsthaftigkeit der öffentlichen Begründung für die Krieg beurteilen zu können: »Wichtige Mitglieder der Bush-Regierung hatten im Jahr 2000 in der Veröffentlichung des Projekts für das Neue Amerikanische Jahrhundert den ‚Sturz von Saddam Hussein‘ als Ziel angekündigt.«24
Diese Gruppe erklärte dieses Ziel noch früher in einem Brief an Präsident Clinton im Januar 1998, indem sie ihn drängte, eine Strategie zu übernehmen, »um Saddam Husseins Regime um die Macht zu bringen.« Dieser Brief, unter anderem unterzeichnet von Donald Rumsfeld, Paul Wolfowitz und Richard Perle forderte Clinton auf, »die notwendigen Schritte, einschließlich militärischer Schritte zu unternehmen, um unsere vitalen Interessen im Golf zu schützen«, und fügte hinzu, dass »die amerikanische Politik durch ein fehlgeleitetes Beharren auf Einstimmigkeit im UN-Sicherheitsrat nicht fortgesetzt verkrüppelt werden darf.«25
Um die Behauptung zu untermauern, dass der 11. September eher ein Vorwand als ein Grund für den Angriff auf den Irak war, zitiert Thompson einen Bericht, laut dem Verteidigungsminister Rumsfeld nur wenige Stunden, nachdem das Pentagon getroffen wurde, in einem Memo festhielt, er wollte schleunigst die »besten Informationen. Beurteilen Sie, ob sie gut genug sind, um zur gleichen Zeit gegen SH [Saddam Hussein] vorzugehen. Nicht nur gegen OBL [Osama bin Laden]. Werdet massiv. Fegt alles zusammen. Dinge, die damit zu tun haben oder auch nicht.«26 Thompsons Behauptung erhält zusätzliche Unterstützung von John Pilger, der Bob Woodwards Bericht zitiert, dass Rumsfeld in der Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates am nächsten Tag sagte, Saddams Irak sollte in der ersten Runde des Krieges gegen den Terrorismus anvisiert werden.27
Kritiker können außerdem auf Handlungen und Äußerungen während und auch nach dem Krieg verweisen, die ihre Behauptung unterstützen, dass der Krieg viel mehr mit Öl und regionaler Kontrolle als mit den angekündigten Kriegszielen zu tun hatte. Während die Bush- und Blair-Regierungen behaupteten, das Ziel des Krieges sei die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen, mit denen Saddam Hussein seine Nachbarn und sogar das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten bedrohte, wurde weithin berichtet, das die Geheimdienstbewertung dahinter verzerrt bzw. sogar erfunden war. Sir Jonathan Porritt, Leiter der Kommission für nachhaltige Entwicklung, die Blairs Regierung in ökologischen Fragen beriet, erklärte öffentlich, dass der in Aussicht stehende Zugriff auf das irakische Öl »ein sehr großer Faktor« bei der Entscheidung der Verbündeten war, den Irak im März anzugreifen, und fügte hinzu: »Ich glaube nicht, dass der Krieg stattgefunden hätte, wenn der Irak nicht über die zweitgrößten Ölreserven der Welt verfügen würde.« Paul O'Neill, Bushs ehemaliger Finanzminister, sagte, die Bush-Regierung hatte von Anfang an geplant, den Irak anzugreifen, größtenteils wegen seines Öls.28
Dass Öl von herausragender Bedeutung war, wurde, so Stephen Gowans, durch die Tatsache deutlich,
dass das wichtigste Ziel auf der Tagesordnung des Pentagons, sobald es den Befehl für den Marsch auf Bagdad gab, die Sicherung der Ölfelder im Süden war. Und als in Bagdad das Chaos ausbrach, ließen die US-Streitkräfte Banden von Plünderern und Brandstiftern durch "das Planungsministerium, das Bildungsministerium, das Bewässerungsministerium, das Handelsministeriums, das Industrieministerium, das Außenministerium, das Kulturministerium und das Informationsministerium ziehen." … Doch im Ölministerium, wo Archive und Dateien zu all dem Ölreichtum lagerten, die Washington unbedingt in seine Hände bekommen wollte, war alles ruhig, weil es von einer Phalanx von Panzern und gepanzerten Mannschaftswagen gesichert wurde.29
Der Verdacht, dass der Irak nicht in erster Linie wegen der öffentlich deklarierten Gründen angegriffen wurde, liegt auch deswegen nahe, weil die Bush-Regierung plante, ihren »Krieg gegen den Terrorismus« nach dem 11. September als Vorwand für Angriffe auf andere Länder zu benutzen. Ein Bericht in Newsweek schrieb zum Beispiel, dass einige von Bushs Beratern vor dem Angriff auf den Irak auch Angriffe auf Saudi-Arabien, Iran, Nordkorea, Syrien und Ägypten befürworteten. Ein hochrangiger britischer Beamter wurde mit den Worten zitiert: »Alle wollen nach Bagdad – echte Männer wollen nach Teheran.«30
Einer dieser »echten Männer« war Richard Perle, ein Gründungsmitglied von PNAC, dessen Beschreibung von Amerikas »Krieg gegen den Terror« wie folgt zitiert wurde:
Das ist der totale Krieg. Wir bekämpfen eine Vielzahl von Feinden. Es gibt viele von ihnen da draußen. All das Gerede über zuerst erledigen wir Afghanistan, dann machen wir das gleiche mit dem Irak … Das ist ein völlig falscher Weg damit umzugehen. Wenn wir einfach unsere Vision der Welt weiterverfolgen und … einen totalen Krieg führen … werden unsere Kinder noch Jahre später großartige Lieder über uns singen.31
Diese Art von Vision könnte Fanatismus in den Schatten stellen.
Es wird zunehmend erkannt, dass, soweit die Vereinigten Staaten einen Krieg gegen den Terror führen, »Terror« auf eine sehr selektive, eigennützige Weise definiert wird. Meyssan stellt fest: »Für Bush scheint Terrorismus als jede Form von Gewalt gegen amerikanische Führerschaft definiert zu sein.«32 Richard Falk sagt ebenfalls, dass es bald deutlich wurde, dass der »Krieg gegen den Terror gegen alle nicht-staatlichen revolutionären Kräfte geführt wird, die als feindlich gegenüber den amerikanischen globalen Interessen wahrgenommen werden.« Was in anderen Worten wirklich vor sich geht, ist »das Projekt des Aufbaus eines Imperiums hinter dem Deckmantel des Krieges gegen den globalen Terrorismus.«33 Phyllis Bennis stimmt dem zu: »Beim Krieg [gegen den Terrorismus] ging es nie darum, jemanden vor Gericht zu bringen, es ging immer nur um Eroberung und das Ausbreiten der globalen US-Macht, alles im Namen der gerechten Vergeltung.«34 So argumentieren auch Chossudovsky, Mahajan und unzählige andere Kritiker.
In jedem Fall ist es nun weitgehend klar, dass die Bush-Regierung (wie auch die Blair-Regierung) über die Gründe, den Irak anzugreifen, gelogen hat. Ist es nicht an der Zeit, die Fragen dahin zu erweitern, ob sie auch über das Ereignis selbst, den 11. September, gelogen haben, die als primäre Rechtfertigung für die Kriege gegen Afghanistan und Irak und die noch größere Agenda der Bush-Regierung benutzt wurde?
Ein neues Pearl Harbor wäre hilfreich
Im Hinblick auf diese größere Agenda beziehen sich Ahmed und Thompson beide auf das Buch des ehemaligen nationalen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski von 1997 The Grand Chessboard: American Primacy and its Geostrategic Imperatives (deutscher Buchtitel: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft). Neben der Darstellung der eurasischen Landmasse als Schlüssel zur Weltmacht sah Brzezinski Zentralasien mit seinen riesigen Öl-Reserven als den Schlüssel zur Herrschaft über Eurasien an. Ahmed und Thompson fassen diese Argumentation zusammen und verweisen auf Brzezinskis Aussage, dass die Sicherstellung der fortdauernden »amerikanischen Vorherrschaft« durch die Kontrolle über diese Region »einen Konsens in außenpolitischen Fragen« innerhalb der amerikanischen Öffentlichkeit erfordert. Einen solchen Konsens zu erreichen, wird jedoch schwierig sein, weil »Amerika zu Hause zu demokratisch ist, um im Ausland autokratisch zu handeln« – eine Tatsache, die »die Verwendung der amerikanischen Macht, vor allem der Fähigkeit zu militärischer Einschüchterung beschränkt.« Im weiteren Verlauf seiner Analyse der Mängel des amerikanischen Charakters erklärte Brzezinski, dass »das Streben nach Macht kein Ziel ist, das das Volk zu Begeisterungsstürmen hinreißt, außer bei einer plötzlichen Bedrohung der öffentlichen Wahrnehmung des nationalen Wohlbefindens.«35 Darum erläutert er, dass der benötigte Konsens in außenpolitischen Fragen schwer zu erreichen ist, »außer bei einer wirklich großen und allgemein wahrgenommenen direkten Bedrohung von außen.«36 Ahmed verbindet diese Passage mit einer früheren Aussage Brzezinskis, dass die amerikanische Öffentlichkeit, die »der externen Projektion der amerikanischen Macht« ambivalent gegenüberstand, »Amerikas Engagement im Zweiten Weltkrieg vor allem wegen der Schockwirkung des japanischen Angriffs auf Pearl Harbor unterstützte.«37
Ahmeds zieht aus diesen beiden Passagen den Schluss, dass die benötigte »allgemein wahrgenommene direkte Bedrohung von außen« ein Pearl Harbor-artiges Ereignis sein muss. Brzezinskis Buch, von einem ehemaligen nationalen Sicherheitsberater verfasst, kann nicht einfach als ein Buch unter Hunderten angesehen werden, das der Regierung Vorschläge unterbreitet. Obwohl Brzezinski einen demokratischen Präsidenten (Jimmy Carter) beraten hat, ist er ein Hardliner, der Berichten zufolge von der Bush-Regierung hoch angesehen wird.
Es ist daher vielleicht kein Zufall, dass drei Jahre, nachdem Brzezinskis offensichtlicher Wunsch nach einem Pearl Harbor-artigen Ereignis veröffentlicht wurde, die erwähnte Veröffentlichung des Projekts für das Neue Amerikanische Jahrhundert eine ähnliche Passage enthielt. Obwohl diese Passage schon zitiert wurde, ist es wichtig zu betonen, dass sie im Rahmen einer Aufforderung zur Vollendung der »Revolution der militärischen Angelegenheiten« steht, durch die eine Pax Americana, ein »Amerikanischer Frieden«, effizienter etabliert werden könne. Leider würde gemäß den Autoren die notwendige Transformation wahrscheinlich nur langsam stattfinden, »es sei denn, es gäbe ein katastrophales und katalytisches Ereignis wie ein neues Pearl Harbor.«38 Mit anderen Worten: wenn ein neues Pearl Harbor passieren würde, könnte die Vollendung der Revolution der militärischen Angelegenheiten schneller stattfinden, weil man dann die benötigte massive Finanzierung erhalten würde. Eine Reaktion auf diese Prognose war John Pilgers in der Einleitung zitierte Behauptung, dass »die Angriffe des 11. September 2001 das „Neue Pearl Harbor“ lieferten.«39 Welche Veränderungen haben diese Befürworter einer amerikanischen Vorherrschaft umrissen und hat ihnen das Neue Pearl Harbor ihnen dabei geholfen?
Raketenabwehr und Weltraum-Pearl Harbor
Man muss erkennen, dass das Herzstück der »Revolution der militärischen Angelegenheiten« ein Programm zur Bewaffnung und damit Beherrschung des Weltraums ist. Dieses Programm erfordert einen großen Teil der massiven Aufstockung der Mittel für »Verteidigung«, die Brzezinski und das Projekt für das Neue Amerikanische Jahrhundert gefordert haben. Der Zweck dieses Programms wird ganz explizit in einem Dokument namens »Vision für 2020« genannt, das mit folgendem Leitbild beginnt: »Das US-Weltraum-Kommando – die Weltraumkomponente militärischer Operationen beherrschen, um US-Interessen und Investitionen zu schützen.«40 Der primäre Zweck ist, anders ausgedrückt, nicht der Schutz der amerikanischen Heimat, sondern der amerikanischen Investitionen im Ausland. Dieser Punkt wird noch deutlicher, wenn man die heutige Bedeutung des Weltraum-Kommandos mit der Tatsache vergleicht, dass in früheren Zeiten »Nationen Flotten gebaut haben, um ihre kommerziellen Interessen zu schützen und auszubauen.« Es ist die Vorherrschaft im Weltraum, die, um die kommerziellen Interessen von Amerikas Eliten zu schützen, nach derzeitigen Prognosen über 1000 Milliarden Dollar vom amerikanischen Steuerzahler benötigen wird.41
Das Dokument »Vision für 2020« bedient sich keiner sentimentalen Propaganda, dass der Weltraum dominiert werden muss, um die Demokratie zu fördern oder sonstwie im Dienste der Menschheit zu stehen. Vielmehr sagt es ganz offen, wenn nicht sogar indiskret: »Die Globalisierung der Weltwirtschaft … wird die Lücke zwischen "den Besitzenden" und "den Besitzlosen“ ausweiten.« Mit anderen Worten, wenn Amerikas Vorherrschaft der Weltwirtschaft wächst, werden die Armen noch ärmer, während die Reichen immer reicher werden. Das führt dazu, dass die »Besitzlosen« Amerika umso mehr hassen werden. Daher brauchen wir die Macht, um sie in Schach zu halten. Wir können dies mit dem erreichen, was die Befürworter des Programms ursprünglich »Dominanz auf dem globalen Schlachtfeld« genannt haben. Da einige Leute diesen Begriff allzu explizit fanden, lautet der bevorzugte Begriff heute »Full Spectrum Dominance« (Beherrschung aller Bereiche; dies lieferte den Titel für das zuvor zitierte Buch von Rahul Mahajan). Dieser Begriff bedeutet nicht nur Vorherrschaft auf dem Land, dem Meer und in der Luft, die das US-Militär bereits innehat, sondern auch die Kontrolle des Weltraums. Zu diesem »amerikanischen Projekt der globalen Herrschaft, verbunden mit der Militarisierung des Weltraums« sagt Richard Falk: »Der Wunsch nach dem Aufbau eines Imperiums mit einer solch gewaltigen Kraft ist eine beispiellose Darstellung geopolitischer Gier in ihrer schlimmsten Form und muss bloßgestellt und beendet werden, bevor es zu spät ist.«42
Der einzige Teil dieses Programms, der viel öffentliche Diskussion erfahren hat, ist sein defensiver Aspekt, von der Reagan-Regierung als 'Strategic Defensive Initiative' (SDI) bezeichnet, heutzutage Raketenabwehrschild genannt. Obwohl diese Bezeichnung daraufhin deutet, dass das amerikanische Ziel im Weltraum rein defensiver Natur ist, ist der sogenannte Schirm nur ein Teil eines dreiteiligen Programms. Ein anderer Teil platziert Überwachungstechnik im Weltraum, mit dem Ziel in der Lage zu sein, jeden Teil des Planeten mit einer solchen Präzision anzuvisieren, dass jeder Gegner der US-Truppen identifiziert werden kann. Dieser Teil ist bereits auf dem Weg der Realisierung.43 Der dritte Teil des Programms – der zeigt, dass der informelle Name für dieses Programm, »Star Wars«, genauer ist als sein technischer Name – ist, echte Waffen in den Weltraum zu bringen. Dazu gehören Laser-Kanonen, deren Angriffsmöglichkeiten, wie ein Autor es ausdrückte, »einen Marschflugkörper aussehen lassen wie einen Böller.«44 Durch mit Laserwaffen bestückte Satelliten werden die Vereinigten Staaten in der Lage sein, militärische Satelliten jedes feindlichen Landes zu zerstören – dies ist in der Tat Teil der angekündigten Absicht: »anderen die Nutzung des Weltraums zu verweigern.« Das US-Weltraum-Kommando könnte dadurch eine vollständige und dauerhafte Vorherrschaft erreichen. Die Tatsache, dass das US-Space Command-Programm aggressiver Natur ist, spiegelt sich im Logo einer der Abteilungen wider: »In Your Face from Outer Space«45
Nicht nur in diesem Dokument werden solch aggressive Ziele offen ausgesprochen. Wie Mahajan aufzeigt, macht das Dokument des Projekts für das Neue Amerikanische Jahrhundert das folgende »bemerkenswerte Eingeständnis«:
In der Ära nach dem Kalten Krieg wurden Amerika und seine Verbündeten … die primären Ziele von Abschreckungsmaßnahmen und es sind Staaten wie Irak, Iran und Nordkorea, die am meisten abschreckende Fähigkeiten entwickeln wollen. Konventionelle Macht wirken zu lassen … wird viel komplexer und eingeschränkter, wenn die amerikanische Heimat … einem Angriff durch einen ansonsten schwachen Schurkenstaat erleiden können, der in der Lage ist, ein winziges ballistisches Raketenarsenal zusammenzuschustern. Der Aufbau einer effizienten … Raketenabwehrsystem ist eine Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der amerikanischen Vorherrschaft.46
Mit anderen Worten: obwohl der Name »Raketenabwehrschild« suggeriert, dass das System ausgelegt ist, Amerika vor Angriffen zu schützen, ist sein eigentlicher Zweck, andere Nationen davon abzuhalten, Amerika von einem Angriff abzuschrecken. Diese Aussage legt außerdem nahe, dass sich Iran, Irak und Nordkorea später den von Präsident Bush vergebenen Titel »Achse des Bösen« verdienten wegen ihres perversen Wunsches, die Fähigkeit zu entwickeln, die Vereinigten Staaten von militärischer Gewalt gegen sie abzuschrecken. Das Projekt beschreibt die Rolle des US-Militärs in diesen anrüchigen Worten in voller Übereinstimmung mit der im Jahr 2002 veröffentlichten National Security Strategy der Bush-Regierung. Diese enthielt die meisten Empfehlungen aus Rebuilding America’s Defenses und konstatiert, »unsere beste Verteidigung ist ein guter Angriff.«47 Die wichtigste neue Komponente dieses Angriffs soll die »Full Spectrum Dominance« sein, die durch die Ergänzung von Amerikas Land-, Luft- und Seestreitkräften mit einem vollwertigen Weltraum-Arsenal sichergestellt werden soll.
Kurz bevor Donald Rumsfeld im Januar 2001 US-Verteidigungsminister wurde, schloss er seine Arbeit als Vorsitzender der ‚Commission to Assess US National Security Space Management and Organization‘ ab (Kommission zur Beurteilung der nationalen Sicherheit im Bereich Weltraummanagement und -organisation). Dieses inoffiziell »Rumsfeld-Kommission« genannte Gremium veröffentlichte seinen Abschlussbericht in der zweiten Januarwoche.48 Das Ziel seiner Vorschläge war die »Steigerung der Asymmetrie zwischen den US-Streitkräften und denen anderer militärischer Kräfte.« Neben dem Eintreten für die Beendigung des ABM-Vertrags von 1972 (was die Bush-Regierung prompt anging) empfahl dieser Bericht wesentliche Veränderungen, darunter die Unterordnung aller Streitkräfte und Geheimdienste unter die Weltraum-Streitmacht. Der Bericht war sich bewusst, dass eine so drastische Reorganisation der Streitkräfte und Geheimdienste normalerweise großen Widerstand hervorrufen würden und fügte hinzu:
Die Geschichte ist reich an Fällen, in denen Warnzeichen ignoriert und Veränderungen Widerstand entgegengebracht wurde, bis ein "unwahrscheinliches" Ereignis von außen die Bürokratie zum Handeln zwang. Die Frage ist, ob die USA weise genug sind, verantwortungsvoll und schnell genug zu handeln, um ihre Verwundbarkeit im Weltraum zu reduzieren. Oder ob, wie schon in der Vergangenheit, ein paralysierender Angriff gegen das Land und seine Menschen – ein "Space Pearl Harbor" – das einzige Ereignis ist, das in der Lage wäre, die Nation aufzuschrecken und die US-Regierung zum Handeln zu bewegen.49
Wir haben also noch einen weiteren Vorschlag einer zentralen Figur der Bush-Regierung, dass ein weiteres »Pearl Harbor« notwendig sein könnte, um »die Nation aufzuschrecken.«
Dieser Bericht wurde am 11. Januar 2001 veröffentlicht, genau neun Monate bevor die USA Angriffe aus der Luft erlitten, bei denen unsere Verteidigung hilflos schien, sie zu verhindern. Und die wesentliche Reaktion auf diese Angriffe war ein Gefühl der Verwundbarkeit Amerikas. Der Vorsitzende der Kommission, die den oben genannten Bericht veröffentlichte, war darüber hinaus gut aufgestellt, um Vorteile aus diesen Angriffen und dem resultierenden Gefühl der »Verwundbarkeit der USA im Weltraum« zu ziehen. Meyssan betont, dass auf einer Pressekonferenz, die am 11. September selbst um 18.42 Uhr begann, Rumsfeld, mittlerweile Verteidigungsminister, die Anschläge benutzte, um den demokratischen Senator Carl Levin, den Vorsitzenden des Senate Armed Services Committee (Ausschuss des Senats für die parlamentarische Kontrolle des US-Verteidigungsministeriums) (in der kurzen Zeit zu Anfang der Bush-Regierung mit einer demokratischen Mehrheit im Senat) einzuschüchtern. Vor Live-Kameras sagte Rumsfeld:
Senator Levin, Sie und andere Demokraten haben im Kongress die Befürchtung geäußert, dass Sie einfach nicht genug Geld für den starken Anstieg im Verteidigungshaushalt haben, um den das Pentagon bittet, vor allem für die Raketenabwehr, und Sie befürchten, Sie müssten auf die Sozialversicherungsfonds zurückgreifen, um das zu bezahlen. Überzeugt Sie solch ein Ereignis, dass ein Notstand in diesem Land existiert, der es erfodert, die Verteidigungsausgaben zu erhöhen und notfalls auf die Sozialversicherung zurückzugreifen, um die Verteidigungsausgaben zu finanzieren – die Verteidigungsausgaben zu erhöhen?50
Die Anschläge des 11. September scheinen Rumsfeld mit dem auszustatten, das als »ein Space Pearl Harbor« durchgehen könnte, und er schien bemerkenswert gut darauf vorbereitet, daraus Nutzen zu ziehen.
Hinzu kommt, dass, falls US-Beamten bei der Ermöglichung der Anschläge des 11. September beteiligt waren, Rumsfeld nicht der einzige mit großem Interesse am Space Command war. Einer der anderen wichtigsten Fürsprecher war General Ralph E. Eberhart, der aktuelle Kommandeur des Space Commands, der in seiner Rolle als NORAD-Kommandant verantwortlich für die Flugsicherung am 11. September war.51 Auch General Richard Myers, der am 11. September amtierender Vorsitzender der Vereinigte Stabschefs war und dabei war, der neue Vorsitzende zu werden, war zuvor Leiter des US Space Commands. Bekannt als »General Starwars« leitete er während des Erstellens des Dokuments »Vision für 2020«, das die ziemlich eindeutige Absicht ausdrückte, die absolute Kontrolle über den Weltraum zu erlangen, damit das Pentagon Wirtschaftsinteressen der USA schützen kann, während sich die Kluft zwischen den »Besitzenden« und den »Besitzlosen« der Welt vergrößert. Dementsprechend sind die drei Männer, die sich am stärksten mit der US Space Force identifizierten, genau diejenigen, die am unmittelbarsten an der Verbreitung und Überwachung eines »stand down«-Befehls am 11. September beteiligt gewesen wären, falls es ihn tatsächlich gab.
Die in diesem Kapitel zusammengefassten Beweise zeigen, dass die Beamten des Pentagons und der Bush-Regierung viele Gründe gehabt hätten – von ihren Plänen für Afghanistan und Irak bis zum Wunsch nach massiver Finanzierung, um den Weltraum zu einer Waffe zu machen – die Anschläge des 11. September zuzulassen, wenn nicht sogar zu planen. Einige dieser Beweise weisen auf die Wahrheit zumindest der siebten möglichen Ansicht – dass das Weiße Haus spezifisches Vorwissen zu den Angriffen hatte und wusste, dass sie stattfinden würden, zum Beispiel, um rechtzeitig einen Krieg gegen Afghanistan zu beginnen, noch vor dem Winter.
Einige der Beweise weisen sogar auf die achte Ansicht, wonach das Weiße Haus an der Planung beteiligt war. Es ist natürlich möglich, dass zentrale Figuren der Bush-Regierung, obwohl sie offenbar »ein neues Pearl Harbor« anstrebten, die Anschläge nicht planten, sondern einfach nur erfuhren, dass sie geplant würden, sodass sie lediglich sicherzustellen hatten, dass die Anschläge nicht verhindert würden. Jedoch können bei all den Dingen, die offenbar vom Eintreten eines neuen Pearl Harbors abhingen, vernünftige Menschen zu dem Schluss kommen, dass das Weiße Haus dieses Ereignis nicht dem Zufall überlassen würde.
Ein Präzedenzfall: Operation Northwoods
Alle bisher zusammengefassten Informationen bieten starke Hinweise auf eine Mittäterschaft der amerikanischen Regierung an den Anschlägen des 11. September, die die Geheimdienste, das Pentagon und das Weißen Hauses umfasst. Doch unabhängig davon, als wie stark diese Beweise angesehen werden, werden viele und vielleicht sogar die meisten Amerikaner der Vorstellung widerstreben, dieser »Angriff auf Amerika« könnte ein »inside job« gewesen sein, inszeniert von Amerikas eigenen Führern. Die oberste Verantwortung des Präsidenten, des Vizepräsidenten und der Minister, der US-Geheimdienste und des US-Militärs ist es, Amerika und seine Bürger zu schützen. Selbst wenn die offizielle Version des 11. September Dutzende von Fragen offenlässt, die wahre Version kann nicht sein, so werden viele Amerikaner annehmen, dass sich politische und militärische Führer abgesprochen haben, um die Anschläge des 11. September zu ermöglichen, geschweige denn zu inszenieren. Egal welche Vorteile ein »neues Pearl Harbor« haben könnte, unsere militärischen und politischen Führer würden nicht an einem Plan teilnehmen, ein solches Ereignis herbeizuführen. Wir glauben, wir wüssten von vornherein, dass alle Verschwörungstheorien dieser Art falsch sind, weil die amerikanische politische und militärische Führung so etwas einfach nicht tun würde.
Im Jahr 1962 wurde jedoch ein Plan formuliert, der teilweise einen Präzedenzfall liefert, einen Plan, den wir jetzt aufgrund kürzlich freigegebener Dokumente kennen. Der Hintergrund dieses Plans war Präsident Eisenhowers Anfrage an die CIA kurz vor dem Ende seiner Amtszeit, einem Vorwand zu erfinden, um in Kuba einmarschieren zu können. Die CIA formulierte »ein Programm verdeckter Operationen gegen das Castro-Regime«, deren Ziel es war, »die Ablösung des Castro-Regimes durch eines, das sich mehr den wahren Interessen des kubanischen Volkes widmet und das akzeptabler für die USA wäre, und zwar in einer solchen Art, die jeden Anschein einer US-Intervention vermeidet.«52 Eisenhower genehmigte diesen Plan. Aber nachdem der nächste Präsident John Kennedy einen CIA-Plan akzeptierte, der zum Schweinebucht-Fiasko führte, übertrug er die Verantwortung für Kuba von der CIA auf das Verteidigungsministerium. Anfang 1962 reichte der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs General Lyman Lemnitzer Kennedy einen Plan namens Operation Northwoods ein.53
Dieses »Memorandum für den Verteidigungsminister«, unterzeichnet von allen Vereinigten Stabschefs, beschrieb einen als 'Top Secret' gekennzeichneten Plan für »Vorwände, um die Rechtfertigung einer militärischen Intervention der USA in Kuba zu liefern.«54 Gemäß dem »Memorandum für den Chef der Operation Kuba-Projekt« wird eine Entscheidung, zu intervenieren, »aus einer Phase verschärfter amerikanisch-kubanischer Spannungen entstehen, in der die Vereinigten Staaten gerechtfertigte Missstände erleiden müssen.« Dies sei laut Memorandum wichtig »zur Tarnung des ultimativen Ziels.« Zur Idee gehörte, die Weltöffentlichkeit im Allgemeinen und insbesondere die Vereinten Nationen zu beeinflussen, und zwar »durch die Entwicklung eines Bildes der kubanischen Regierung als voreilig und unverantwortlich, als eine alarmierende und unvorhersehbare Gefahr für den Frieden der westlichen Hemisphäre.«55
Der Plan zählte dann eine Reihe von möglichen Maßnahmen auf, um dieses Bild zu erzeugen. Zum Beispiel: »Wir könnten eine kommunistische kubanische Terrorkampagne in der Gegend von Miami, in anderen Städten Floridas und sogar in Washington entfalten. … Wir könnten eine Schiffsladung Kubaner unterwegs nach Florida (real oder simuliert) versenken.«56 Besonders interessant im Hinblick auf einige der Szenarien, was am 11. September »wirklich geschah« (siehe Kap. 1, Anmerkung Nr. 32) ist folgender Plan:
Es ist möglich, einen Vorfall zu schaffen, der überzeugend beweist, dass ein kubanisches Flugzeug ein gechartertes Linienflugzeug angegriffen und abgeschossen hat. … Das Ziel würde so ausgewählt, dass die Flugstrecke Kuba überquert. Die Passagiere könnten eine Gruppe von College-Studenten auf dem Weg in den Urlaub sein. …
a. Ein Flugzeug würde auf der Luftwaffenbasis Eglin umlackiert werden und als exakte Kopie eines Zivilflugzeugs nummeriert werden, das einer CIA-Organisation in der Gegend von Miami gehört. Zu einer festgelegten Zeit würde die Kopie mit dem eigentlichen zivilen Flugzeug ausgetauscht werden und die ausgewählten Passagiere würden alle unter sorgfältig vorbereiteten Decknamen an Bord kommen. Das eigentliche registrierte Flugzeug würde in eine Drohne umgewandelt werden.
b. Die Abflugzeiten der Drohne und des eigentlichen Flugzeugs werden passend für ein Treffen südlich von Florida angesetzt. Nach dem Treffen wird das Flugzeug mit den Passagieren auf minimale Höhe sinken und direkt auf einem Hilfsrollfeld der Luftwaffenbasis Eglin landen, wo die Passagiere evakuiert und das Flugzeug wieder in seinen ursprünglichen Zustand gebracht wird. Die Drohne wird währenddessen weiterhin nach dem festgelegten Flugplan fliegen. Wenn sich die Drohne über Kuba befindet, wird sie auf der internationalen Not-Frequenz eine "MAY DAY"-Meldung aussenden, weil es unter Beschuss durch kubanische MiG-Flugzeuge sei. Die Meldung wird durch die per Funksignal ausgelöste Zerstörung des Flugzeugs unterbrochen.57
In diesem und einigen anderen Plänen hätte, obwohl Verlustlisten in US-Zeitungen platziert worden wären, um »eine Welle nationaler Empörung zu verursachen«,58 die Täuschung in Wirklichkeit nicht zu einem Verlust von Leben geführt. Aber dies trifft nicht auf alle Pläne zu, wie z. B. beim erwähnten Plan, »eine Schiffsladung Kubaner zu versenken.« Mindestens ein Plan hätte außerdem Amerikanern das Leben genommen. Nach diesem Plan, als »Remember the Maine«-Zwischenfall bezeichnet, »könnten wir ein amerikanisches Schiff in Guantanamo Bay in die Luft sprengen und Kuba beschuldigen.«59
Kennedy lehnte diesen Plan ab, obwohl er von allen Vereinigten Stabschefs gebilligt wurde. Diejenigen, die sagen, dass Militärs zwar solche abscheulichen Pläne formulieren, aber ein amerikanischer Präsident ihnen niemals zustimmen würden, können diese Ablehnung als Beweis ansehen. Allerdings haben verschiedene Präsidenten unter unterschiedlichen Umständen andere Entscheidungen getroffen. In den frühen 1890er Jahren wurde zum Beispiel ein Plan, Hawaii zu annektieren, von Präsident Grover Cleveland abgelehnt, dessen Außenminister den Plan für »eine egoistische und unehrenhafte Intrige eines Haufens Abenteurer« hielt. Allerdings wurde diese Intrige vom nächsten Präsidenten William McKinley (derselbe, der den Maine-Vorfall als Rechtfertigung für den Eintritt in den Krieg gegen Spanien benutzte, um die Kontrolle über Kuba, Puerto Rico und die Philippinen zu erlangen) gebilligt.60 Entsprechend bedeutet der Umstand, dass Kennedy diesen bestimmten Plan zu einem bestimmten Zeitpunkt – kurz nach dem Schweinebucht-Fiasko – ablehnte, nicht zwangsläufig, dass alle amerikanischen Präsidenten unter allen Umständen Pläne zur Erreichung geopolitischer Ziele durch »Vorfälle« ablehnen würden, die das Auslöschen von Menschenleben, sogar unschuldiger amerikanische Menschen beinhaltet.61
Die Beweise in diesem Kapitel bieten in jedem Fall weitere Unterstützung für Michel Chossudovskys bisher nur in Teilen zitierte Schlussfolgerung, dass der amerikanische Krieg nach dem 11. September »keine ‚Kampagne gegen den internationalen Terrorismus‘ ist. Es ist ein Eroberungskrieg … und das amerikanische Volk wurde bewusst und absichtlich von seiner Regierung getäuscht.«62 Das nächste Kapitel liefert eine weitere Art von Beweisen für diese Schlussfolgerung.
© David Ray Griffin
Oliver Bommer (deutsche Übersetzung)
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